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Good old Europe

  • Autorenbild: Dietmar Aigenberger
    Dietmar Aigenberger
  • 2. Okt. 2018
  • 3 Min. Lesezeit

Frei von Interessenszwang und politischer message control können Fakten und Hypothesen frisch durchatmen, weil sie weder hinter feel-good-Parolen noch in Panikmache verpackt werden müssen.

In meinem heutigen Artikel geht es um "Zukunft: Wirtschaft". Es geht ums Ganze. Um alles. Die einen Europäer und Europäerinnen meinen damit die Herausforderungen durch bedrohliche globale Entwicklungen. Die Anderen ... ? Auch! Aber diese Anderen meinen Wettbewerb und den zukünftigen Rang Europas in diesem Gerangel.


Der Bericht der OECD 2012 (policy challenges for the next 50 years) deckt sich in allen wesentlichen Prognosen mit aktuellen Vorhersagen von PwC. Beide haben in die ökonomische Zukunft geschaut und - no na - ein Ranking der nächsten Wirtschaftsmächte gewagt. Quintessenz: Warm anziehen, Europa! Die aktuellen "big five" schauen alt aus. Deutschland, Frankreich, Italien, UK in den TOP 10 - das war 1985. Die neue Rangordnung 2050 wird lauten: China vor Indien, gefolgt von Indonesien. Dahinter versucht die USA Anschluss zu halten. Dann folgen Brasilien, Russland, Mexiko, Japan. Deutschland: Platz 9 statt 5. Aber Achtung: Die Türkei ist schon auf der Überholspur.


England, Frankreich, Spanien und Italien sind nur noch "Top 10-20", sie kämpfen im Mittelfeld darum, den Anschluss an die boom nations nicht zu verlieren. Die Saudis, Nigeria, Ägypten, Pakistan, die Philippinen, Vietnam, Bangladesh, Malaysia sind die Tigerstaaten mit doppelt bis dreifachen Wachstumsraten gegenüber den Nationen entlang der blauen Banane. 5 bis 20% bei den Tiger gegen 3% in der Banane. Good old europe! Die old economy melkt noch schnell die cash cows, während die neuen Wirtschaftsmächte aufholen. Und nachholen, was ihnen an Wirtschafts- und Innovationsentwicklung über eineinhalb Jahrhunderte nicht gelungen ist - oder durch Kolonialdünkel vorenthalten wurde.


Wer in der Welt herumkommt wird mir bestätigen: Über Europa wird mit Ehrfurcht gesprochen, mit Faszination für seine Kunst und Kultur, den wunderschönen Plätzen, seinem großen geschichtlichen Erbe vieler Jahrhunderte. Auch die alte und gegenwärtige Ökonomie wird anerkannt. Aber ich werde zunehmend das Gefühl nicht los, dass sich die entgegengebrachte Wertschätzung immer stärker verlagert in Richtung "Disneyland Europa": Ehrfurcht für dessen Geschichte. Fasziantion, aber museal. Chic, aber bisserl aus der Zeit gefallen.


Doch Europa kratzt das wenig. Europa ist mit sich selbst beschäftigt, mit großartigen Themen wie Brexit und die Organisation von Innen- und Außengrenzen. Und unsere wirtschaftspolitischen Eliten strapazieren Wettbewerbsparolen, nationale, regionale. Wie bei einem Gerangel um Liegestühle auf der Titanic.


Währenddessen ein paar Mauszüge weiter auf Google Earth: China und Indien werden im Jahr 2025 ein höheres BIP erzielen als die Summe der G7-Staaten. Bitte, Sie können diesen letzten Satz gerne nochmals lesen, er ist Faktum. Und die BRIC-Staaten sind heute schon vorn. Soviel zu unserer "Wirklichkeitskonstruktion" der Weltmarktführerschaft in der Zukunft. Unsere politischen Eliten und Wirtschaftsvertreter argumentieren, dass wir ohnehin zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Erde sind. By the way: seit 2010 nicht mehr die Nr. 1 - nominell ist die USA stärker, in PPP ist es China, also ist die EU eigentlich bereits an dritter Stelle; aber immerhin. Und diese Eliten strapazieren immer noch Kategorien wie Entwicklungszusammenarbeit - und meinen Almosen. Oder titulieren wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Schwellenländern - und meinen Exportgewinne in boomenden Märkten.


Europa hat heute die Tendenz zum Machterhalt, gemischt mit Selbstverliebtheit und dem Drang, beides durch extensive Verwaltung in einer rechtschaffenen Ordnung zu konservieren. Old europe wird träge.


Beiträge der FAZ (26.07.2018) und der SN (03.09.2018) machten mich nun besonders aufmerksam: China und Afrika kooperieren über das Forum chinesisch-afrikanischer Zusammenarbeit (FOCAC) seit Jahren strategisch. Chinas Staatspräsident Xi spricht von pragmatischer Zusammenarbeit. Nun ist es wichtig, den kritischen Blick zu bewahren auf junge, instabile Demokratien, auf Korruption und Nepotismen. China ist jedenfalls vor Ort, ist Südafrikas wichtigster Handelspartner. China gewährt starke Kreditpakete, China-Ingenieure bauen erstmals seit der europäischen Kolonialzeit eine transnationale Eisenbahn von Addis Abeba nach Dschibuti, elektrisch. Nairobi und Mombassa werden mit schnellen Güterzuglinien verbunden. China-Konzerne bauen Häfen, Airports, Bergwerke und Kommunikationsnetze. Viele Projekte sind in Umsetzung, noch viele mehr in konkreter Planung.


Die EU spricht hingegen davon, nun rasch mal mit den Afrika-Staaten in Kontakt treten zu wollen. Wegen wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Aber eigentlich deshalb, damit "von dort" niemand mehr ungefragt in die Festung Europa eindringen möge.

Ich meine: Hee, aufwachen, Europa. Augenhöhe herstellen, durch open mindness. Durch Größe, nicht durch Herablassung. Weg von Erste-Welt-Dünkel. Hin zu Chancen und Potenzialen gemeinsamen fairen Wachstums. Wirtschaft ist keine Einbahn-Export-Strategie. Und die Zukunft hat längst begonnen. Zumindest in der Zusammenarbeit China-Afrika.

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Mag. Dietmar Aigenberger Unternehmensberatung - Wels, Oberösterreich 

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