Seniorengerechtes Alternatives Wohnen: Brief an den damaligen BM Rudi Anschober (2019)
- Dietmar Aigenberger

- 15. Feb. 2020
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Okt. 2021

Sehr geehrter Herr Bundesminister Anschober,
ich richte mich mit folgendem Thema, Anregungen und Vorschlägen an Sie als (vorrangig ressortzuständiger politischer Referenten auf Ebene der österreichischen Bundestregierung:
Altersgerechte Lebensräume, Co-living, sheltered housing - das sind Begriffe eines Themenbereiches, welcher zukünftig wesentlich mehr in das sozial- und gesellschaftspolitische Denken und Handeln Eingang finden wird. Österreich ist hier im internationalen Vergleich und trotz vergleichsweise hoher Sozialausgaben kaum Vorreiter. Im Gegenteil: Als beratender und begleitender Akteuer sehe ich Bund und Länder immer mehr im Hintertreffen, sowohl in der Weiterentwicklung vernetzter politischer Strategiebildung wie auch in der Initiierung, Finanzierung, Begleitung von Pilotprojekten, welche in der Regel als starke Indikatoren für entsprechende Strategieumsetzung gelten. Das Thema altersgerechte gemeinschaftliche Wohnformen hat als sozialpolitischer Präventivansatz bedauerlicherweise wenig Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung. Jenseits der flächendeckend etablierten Alten- und Pflegeheime (Abdeckung von besondferrn Bedarfen in der Regel ab Pflegestufe 4) und jenseits gut etablierter Angebote an betreutem Wohnen (in der Regel für Menschen mit geringerem Pflegebedarf) wird diese spezifische Nachfrage dem Markt überlassen, es sind die strategischen Immobilieninvestoren (mit tw. horriblen Renditeversprechen) und Wohnbauträger, die hier in der REgel mit marktfähigen Anboten im mittleren bis höheren Preissegment aktiv sind, gegenwärtig vor allem in Wien, zukünftig sicher auch verstärkt in den Ballungsregionen der Bundesländer, aber kaum im Bereich der Städte zweiter Ordnung, der Bezirkshauptstädte und gar nicht in ruralen Regionen.
Meine bisherigen Erfahrungen als Projektinitiator und Berater in Oberösterreich sind folgende: OÖ ist im enger gefassten Themenbereich der Pflegebedarfe (noch) ganz gut aufgestellt, es fehlt an Fachkräften doch ansonsten ist die Versorgung an APHs und institutionellen sozialen Einrichtungen gut flächendeckend ausgebaut. Dennoch: Ihnen als ressortzuständiger Minister und den ressortzuständigen SozialreferentInnen der Bundesländer ist sehr bewusst, dass heutige und zukünftige Demografieentwicklungen, die Unsicherheiten bezüglich Entwicklungszahlen bei Fachpersonal bzw. bei der 24-h-Pflege und vor allem die gesellschaftliche Vorausschau hinsichtlich pflegender Angehörigen die Frage der sozialen Sicherheiten und der "Enkelsicherheit" des Systems vor sehr große Herausforderungen stellen werden. Schon im Jahr 2040 sollte nach aktuellen Prognosen der Anteil der 65jährigen Bevölkerung um 50% bzw um 800.000 Personen zunehmen. Expertinnen und Experten konzentrieren sich daher auf haushaltsfokussierte Akutfragen zur budgetären Stabilisierung im Pflegebereich - so beispielsweise in OÖ zu den bezirklichen Bedarfsentwicklungsplänen und Abdeckungsfragen zu institutionellen Pflegeeinrichtungen. Schon etwas am Rande steht als innovative Ergänzung das Projekt der "Alternativen Wohnformen" als ergänzendes Anbot für geringere Pflegebedarfe, als Ergänzung in bestehenden APHs - und wenig umsetzungsstark aufgesetzt. Einzelne private Initiativen finden kaum die nötige Unterstützung, um ein entsprechendes Projekt in all seinen komplexen Anforderungen erfolgreich in Umsetzung bringen zu können. Initiativen wie die deutsche Stiftung TRIAS bzw. die Bundesvereinigung Forum gemeinschaftliches Wohnen e.V., Förderlinien, Fördervereine, Ansprechpartner bei Bund, Land, Bezirkshauptmannschaften und Gemeinden sind in Österreich nicht vorhanden.
Der notwendige disziplinübergreifende Dialog, das gesellschaftspolitische "big picture" ist kaum entwickelt, hat keine Lobby, findet keinen politischen Raum. Und: Wir reden stets über Bedarfe als numerische Problemlast, nicht aber über Bedürfnisse der Lebensgestaltung im dritten Lebensabschnitt.
Lieber Herr Bundesminister, Sie und ich, wir sind im selben Lebensabschnitt, sind die "Babyboomers", sind Teil jener Generation der veränderten Bedürfnisse, die ihr Leben so weit als möglich selbstbestimmt, selbstorganisiert und inklusiv gestalten wollen, die nicht als Objekt (des Bedarfs) sondern als Subjekt (eigener Bedürfnisse) wahrgenommen und Wert geschätzt werden wollen. Daraus ergibt sich doch eine win-win-Lösung: Es werden mittelfristig budgetwirksame Effekte erzielt und kommt dem Bedürfnis der nächsten SeniorInnengeneration entgegen: Ist es daher nicht mehr als Recht, diesen und zukünftigen Generationen "der Alten" ein entsprechend attraktives leistbares alternatives Wohn- und Lebensangebot bieten zu können, unterstützt durch die öffentliche Hand?
Ich möge mich vielleicht irren, aber mir fehlt der offene, disziplinübergreifende strategische Dialog über Ziele und Inhalte dessen, wie solchen gesellschaftspolitischen Themen zukünftig entsprochen werden kann. Ich stoße auf allen politischen und administrativen Ebenen auf gläserne Decken, auf Grenzen der Ressortzuständigkeiten und auf (partei-)politische Sachzwänge und Unverträglichkeiten. Aber ich finde kaum "Wachheit" für das Thema.
Ich möchte Ihnen im Folgenden noch einige Stichworte zum Themenfeld geben: Altersgerechtes gemeinschaftliches Wohnen schafft in all seinen Realisierungsformen ...
- Zukunftsfähigkeit
- langfristige Budgetentlastung durch starke Aktivierungseffekte von Selbst- und Gemeinschaftshilfe
- erhält größtmöglich Selbstwert durch gesellschaftliche Inklusion und Beteiligung statt Vereinsamung
- wirkt körperlich-funktional und kognitiv aktivierend und stabilisierend durch lebendiges soziales Umfeld
- schafft größtmögliche Selbstbestimmung in der Lebensgestaltung
- entlastet die angespannte Situation bei mobilen und stationären sozialen Diensten durch kostengünstigere Betreuungsformen ("Betreuungs-Grundpakete")
- schafft durch nachhaltige Nutzung geeigneter zentraler Bestandsimmobilien positive Effekte auch auf flächensparende Raumentwicklung und Raumordnung
Sehr geehrter Herr Bundesminister,
aus meinen bisherigen Projektinitiativen und Konzeptarbeiten ist mir bewusst: Dieser innovative neue Ansatz ist kein "Selbstläufer", weder in der Politik und Verwaltung, noch bei Institutionen, nicht beim Auffinden entsprechend geeigneter Wohnobjekte und auch nicht bei den Menschen (Anm.: Aus einer aktuellen Standard-Diskussion zum Thema: "... will meine Ruhe und keine Alten-WG.. ", "... wenn ich in Gemeinschaft sein will, gehe ich ins Wirtshaus ...", "... dann hätte ich ja kein Haus bauen brauchen ..."). Das Thema benötigt behutsame, beständige "Entwicklungsarbeit" und den öffentlichen Raum des Diskurses, aber vor allem auch die politische Unterstützung auf Bundesebene!
Daher bitte ich Sie, sich möglichst stark um dieses Thema anzunehmen, entsprechende Impulse zu geben und im eigenen Ressort AnsprechpartnerInnen für das Thema zu nominieren bzw auch in den Bundesländern entsprechende Impulse für Politik, Verwaltung und Pilotprojekte anzustoßen. Anm.: Ich habe in diesem Themenfeld in OÖ natürlich Kontakt zum Ressort LRin Gerstorfer und bin auch im Dialog zu Uli Böker: Ich habe den Eindruck, das Thema wird sehr positiv wahrgenommen, die "gläserne Themendecke" ist aber stark spürbar.
Ich hoffe, dass ich mit meinen Impulse, Ideen und Anregungen auf Ihr Interesse stoße, sehr gerne stehe ich mit meiner Expertise für weiterführenden Dialog und für Mitarbeit in entsprechenden Entwicklungsteams zur Verfügung und freue mich auf Ihre werte Rückmeldung!
Mit besten Grüßen aus Oberösterreich
Dietmar Aigenberger



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